Sonntag, 6. Januar 2013

Kapitel 2


{Veronika{Veronika{Veronika{Veronika{Veronika{Veronika{Veronika{
Lennon sieht auf Eliza herab. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird sie von dieser Welt gehen. Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit, aber er ist überzeugt, dass es sich lohnt. Er muss ihr helfen – und sich selbst auch. Sie ist seine letzte Chance, seine Zukunft. Wenn er bei ihr versagt, hat er für alle Zeiten verloren. Nur sie kann ihm jetzt noch helfen.

Langsam streckt er seine Hand aus und berührt zärtlich ihre geschlossenen Augen.

„Du wirst die Liebe finden, Eliza. Das verspreche ich dir – wenn du es zulässt. Hab Vertrauen, dann wird es geschehen“ flüstert er. „Vertrau und liebe, du bist es wert.“

Es ist dunkel, als Eliza erwacht.
 
„Eliza? Wo steckt das Balg schon wieder?“ klingt die zornige Stimme ihrer Mutter zu ihr hoch.
„Wenn du nicht sofort runter kommst, kannst du was erleben!“ Jetzt kommt die Stimme näher und Eliza schließt die Augen wieder. Am liebsten würde sie für immer hier auf dem Dachboden bleiben und sich vor der Welt da draußen verstecken. Aber ihre Mutter wird sie gleich finden. So, wie sie sie immer und überall findet. Die Frau hat eine Spürnase wie ein Polizeihund.

„Hier bist du also, hab ich es mir doch gedacht!“ Ruth stemmt die Hände in die Hüften und schaut düster auf ihre Tochter herab.

„Was denkst du dir eigentlich dabei? Ich schrei mir die Seele aus dem Leib und du träumst hier rum! Ich hab dir schon vor einer Stunde gesagt, du sollst die Hühner füttern. Und der Boden muss auch noch gewischt werden!“

Ruth packt Eliza grob am Arm und zieht sie hoch.

„Nun los doch, sonst mach ich dir Beine!“

„Aua, Mutter, du tust mir weh“, jammert Eliza. Aber gegen den harten Griff ihrer Mutter hat sie keine Chance.

Ruth hat endgültig genug von ihrer, wie sie findet, faulen Tochter.

„Eins sag ich dir, Fräulein, wenn du so weitermachst, wirst du dein blaues Wunder erleben! Ich geb dich zu Tante Mina. Dann kannst du für deinen Unterhalt selbst aufkommen. Wollen wir doch mal sehen, wie dir die Arbeit an der Nähmaschine gefällt!“

Eliza zuckt zusammen. Der Schneiderladen ihrer Tante Mina ragt wie ein Schreckgespenst über ihr auf. Sie will auf keinen Fall dort arbeiten. Einmal, bei einem der seltenen Besuche in Dublin, hat sie den dunklen, stickigen Lagerraum gesehen, in dem ihre Tante 10 Frauen als Näherinnen beschäftigt. Der fensterlose Raum wird nur von wenigen, schwach leuchtenden Glühbirnen erhellt. Eliza könnte hier nie arbeiten. Schrecklich wäre es für sie, hier von morgens bis manchmal spät abends zu sitzen und Kleider für die vornehmen Dubliner Frauen zu schneidern, die dann in dem Geschäft ihrer Tante verkauft werden. Furchtbar wäre es für Eliza, in Dublin, der nach Rauch und Dreck stinkenden Stadt, leben zu müssen. Sie würde dort eingehen wie eine Blume ohne Wasser. Sie braucht die Weite der irischen Landschaft mit den sanften grünen Hügeln und dem kleinen Wäldchen um sich herum. Gerade das Wäldchen braucht sie. Wo sollte sie sonst hingehen, wenn die Welt mal wieder grausam zu ihr ist? Wer böte ihr dann Schutz?

Schweren Schrittes macht sich Eliza auf den Weg zum Hühnerstall. Sie hasst die pickenden, sich aufplusternden Vögel. Immer wieder versuchen diese in Elizas nackte Füße zu hacken.

„Haut ab, ihr Mistviecher! Da, hier habt ihr euer verdammtes Futter!“ Mit Schwung kippt Eliza die Körner in die Schüssel und die Hühner stürzen sich wie verrückt darauf. Dummes Federvieh, kein Verstand im Kopf, denkt Eliza und geht auf spitzen Zehen in den Stall, um dort die letzten Eier einzusammeln.

Jeden Tag das Gleiche. Nach dem Aufstehen Hühner füttern und den Stall ausmisten. Dann ein karges Frühstück aus Porridge und Tee. Danach muss sie sich dann beeilen, um pünktlich in die Schule zu kommen. Eigentlich macht ihr die Schule ja Spaß, wenn nur nicht die anderen Kinder wären. Immer wird sie geschubst und ausgelacht, dabei weiß sie nicht einmal, warum. Sicher, sie macht nie bei den Spielen der anderen mit, hält sich immer abseits. Aber was kann sie denn dafür, dass die Kinder immer so primitive Spiele spielen? Dazu ist sich Eliza einfach zu schade. Fangen spielen oder Seilspringen, so was Blödes. Da setzt sie sich doch lieber mit einem Buch an den Zaun und taucht ab in ihre eigene Welt, in der es keine lärmenden, nervigen Mitschüler gibt.

Und nach der Schule geht es weiter mit der Arbeit. Immer wieder will ihre Mutter etwas von ihr. Mal soll sie in der Küche helfen, dann wieder in dem kleinen Garten hinter dem Haus Unkraut jäten, oder noch schlimmer, ihrem Vater im Stall helfen.
 „Tut mir ja leid“, sagt ihr Vater immer wieder „aber wir haben nun mal keinen Sohn, der mir helfen kann, also musst du, als unsere einzige Tochter ran“. Eliza weiß, ihr Vater meint es ja nicht böse und er braucht wirklich jede Hilfe, die er kriegen kann, aber sie hasst die Stallarbeit. Der Geruch beißt in ihre Nase und sie kann es nicht ausstehen, wenn die Kühe beim Melken mit ihren Schwänzen durch ihr Gesicht wischen. Einfach zu scheußlich und absolut ihrer unwürdig. Eliza möchte manchmal einfach nur weglaufen. Sich einfach nur verkriechen und träumen. Träumen von einem Leben voller Abenteuer und Heldentaten. Träumen von einem Leben im Schloss, an der Seite eines Märchenprinzen, das wäre etwas. ...Fortsetzung folgt...

Kommentare:

Clau Dia hat gesagt…

oh... das ist ja spannend... er führt sie also zurück? :)
damit hätte ich jetzt nicht gerechnet!
wann gibts Teil 3???? :)

Murmelchen hat gesagt…

so schön..freu mich auf Teil 3 :-)

Bibilotta hat gesagt…

Jetzt bin ich aber auch auf Teil 3 gespannt ;)