Mittwoch, 16. Januar 2013

Kapitel 4


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„Hab keine Angst“, erklang da auf einmal eine sanfte Stimme. „Ich will dir nichts tun, vertrau mir.“ 
Eliza glaubte, ihr Herz würde stehen bleiben. Erschrocken wie ein Reh im Scheinwerferlicht stand sie still und starrte mit großen Augen in die Dunkelheit. Vor Angst hatte es ihr die Sprache verschlagen.

„Schau hierher, kannst du mich sehen?“ sprach die Stimme.
Eliza schaute angestrengt in die Richtung, in der sie die Stimme vermutete. Sie kniff ihre Augen zusammen und jetzt konnte sie auf einmal sehen wie sich ein schwacher Lichtschein aus den Bäumen neben ihr löste. Das Licht wurde immer heller und kräftiger. Eliza musste ihre Augen schließen, so sehr blendete sie das Licht.
„Du kannst die Augen wieder aufmachen“, lachte da die Stimme.
Zögernd, ein Auge nach dem anderen, schaute Eliza hin. Jetzt war es auf einmal gar nicht mehr so dunkel. Sie befand sich auf einer kleinen Lichtung mitten im Wald und diese Lichtung wurde von einem hellen Strahlen erfüllt.
„Hinter dir, du Angsthase.“
Eliza drehte sich einmal um sich selbst und hätte vor Schreck beinahe wieder die Augen geschlossen. Vor ihr stand ein Junge. Jedenfalls hielt sie die Gestalt für einen Jungen. Viel erkennen konnte sie nicht. Er trug eine dunkle Hose und ein dunkles Hemd. Zusätzlich hatte er noch eine schwarze Kapuze übergezogen. Eine schwarze Gestalt inmitten des Lichtstrahls.
„Wer bist du?“ Endlich hatte Eliza sich von dem Schreck erholt und ihre Stimme wieder gefunden.
„Ich bin Lennon“, sagte der Junge und zog sich dabei die Kapuze vom Kopf. Er schüttelte sein schwarzes Haar und lächelte.
„Da hab ich dir aber einen ganz schönen Schrecken eingejagt, was? Ich versteh gar nicht, warum ihr Menschen immer so eine Angst vor der Dunkelheit habt.“
„Ihr Menschen? Was bist du denn? Was willst du damit sagen?“
Eliza wurde schon etwas mutiger, als sie Lennon nun genauer sehen konnte. Dieses Bürschchen jagte ihr keine Angst mehr ein. Er sah aus wie ein ganz normaler Junge aus dem Dorf. Na ja, vielleicht nicht ganz so, aber doch fast. Ein bisschen blass war er ja, das musste sie schon zugeben. Die Kinder im Dorf, und sie auch, waren sonnengebräunt. An Lennon konnte sie kein bisschen Farbe erkennen. Sein tiefschwarzes Haar stand ihm wild in langen Locken vom Kopf ab. Sogar seine Augen in dem weißen Gesicht leuchteten wie schwarze Kugeln.
Auf ihre Frage erhielt Eliza keine Antwort. Und es war auf einmal auch gar nicht wichtig.
„Setz dich doch, kostet das gleiche.“ Mit gekreuzten Beinen ließ sich Lennon auf den Boden sinken.
„Hast du Hunger?“ fragend hielt er ihr einen Apfel hin, den er aus seiner Tasche gezogen hatte.
„Nein, danke. Ich hab Brot… wenn du willst.“ Es erschien Eliza die natürlichste Sache der Welt zu sein, sich jetzt ebenfalls auf den Boden zu setzen und ihr Brot mit dem fremden Jungen zu teilen. Hier inmitten des Lichtscheins fühlte sie sich total geborgen. Es war ihr auch nicht mehr kalt, sondern angenehm warm. Lächelnd schaute sie zu, wie Lennon herzhaft in sein Stück Brot biss.
„Also Eliza, wo willst du eigentlich hin?“ fragte Lennon sie nun.
„Woher kennst du meinen Namen? Und wo ich hin will, geht dich doch gar nichts an!“
„Ach Eliza, ich weiß viel mehr als nur deinen Namen“, seufzte Lennon. „Aber egal, weißt du überhaupt, wo wir hier sind?“
Eliza schüttelte den Kopf. Sicher, der Wald hinter ihrem Haus war ihr vertraut, aber niemals zuvor war sie so weit vorgedrungen. Diesen Teil des Waldes kannte sie nicht.
„Wir sind hier in Tara. Weißt du was das ist?“ Lennon sah Eliza aufmerksam an.
„Natürlich weiß ich, was Tara ist. Ein alter Hügel. Die Leute aus dem Dorf lassen hier oft ihre Tiere grasen. Manche sagen auch, er ist verzaubert. Aber ich glaub da nicht dran.“
Eliza kam sich besonders klug vor. Jeder, der in Dunvan lebte, kannte Tara. Es war nichts Besonderes. Früher einmal, ja, da war Tara ein ganz besonderer Ort. Aber diese Zeiten waren längst vorbei.
Lennon lachte. „Ach Eliza, Mädchen, du musst noch so viel lernen. In erster Linie ist Tara das Tor zur Anderwelt. Der Sitz der Götter, wenn du so willst. Haben dir denn deine Eltern nichts über die Geschichte Irlands erzählt? Ich denke, du liest so viel. Du musst doch wissen, wo du hier lebst.“
„Natürlich weiß ich das! Aber was interessiert mich das? Und überhaupt hab ich keine Lust mehr, mit dir zu reden!“ Zornig sprang Eliza auf und drehte sich von Lennon weg. Sie konnte es nicht leiden, aufgezogen zu werden. Das machten die Kinder in der Schule auch immer mit ihr und sie hasste es.
„He, Süße, beruhig dich wieder“, Lennon legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Ich will mich aber nicht beruhigen. Und deine Süße bin ich schon gar nicht!“ Eliza schüttelte Lennons Hand ab.
„Was nicht ist, kann ja noch werden.“ Wieder dieses spöttische Kichern.„Aber zurück zu dir. Wo willst du denn nun wirklich hin? Was hast du vor?“
„Jedenfalls nicht mehr zurück zu meinen Eltern, das ist schon mal klar. Die wollen, dass ich im Herrenhaus arbeiten soll. Aber nicht mit mir! Ich geh da nicht hin, niemals!“ Eliza drehte sich um und blickte Lennon zornig an.
„Du könntest mit mir kommen“, leise und sehr ernst sprach Lennon die Worte.
„Mit dir? Und wohin? Wer bist du überhaupt? Ich hab dich im Dorf noch nie gesehen.“
„Ich kann es dir nicht sagen. Und wohin? Du musst mir einfach vertrauen.“
„Ich? Dir vertrauen? Wie denn, wenn ich dich nicht mal kenne? Du spinnst doch!“
Eliza ließ sich wieder auf den Boden sinken. Aber Lennon hatte ja Recht. Sie wusste wirklich nicht, wohin sie gehen sollte. So weit hatte sie nicht gedacht und im Augenblick wusste sie nur, was sie nicht wollte.
„Soviel also dazu.“ Irgendwie klang Lennon enttäuscht als er sich jetzt ebenfalls wieder setzte. Er hatte sich das wesentlich einfacher vorgestellt. Eliza sollte sich auf den ersten Blick in ihn verlieben und mit ihm kommen. So einfach war das dann wohl doch nicht aber so schnell würde er aber nicht aufgeben.
Eliza betrachtete den Jungen, der ihr nun mit gesenktem Kopf gegenüber saß. Irgendetwas hatte er an sich. Sie konnte es nicht beschreiben. In seinen Haaren schien das Licht zu flirren und seine fast weiße Haut hob sich intensiv von seiner dunklen Kleidung ab. Auch wie er von der Anderswelt sprach, so als ob das für ihn etwas völlig natürliches wäre. Seltsamer Kerl. Zum ersten Mal in ihrem Leben weckte jedoch ein anderer Mensch ihr Interesse. Bisher war es ihr egal gewesen, was die Menschen um sie herum dachten und fühlten. Es zählte für sie nur sie selbst. Sie war sich genug und auf Freunde konnte sie verzichten. Dieser Junge aber, den wollte sie näher kennen lernen.
„Lennon? Erzähl mir von dir“, bat sie leise.
„Willst du das wirklich? Ganz sicher, Eliza?“ Lennon blickte auf. Eliza nickte und Lennon sah ihr intensiv in die Augen.
„Kennst du die Geschichte vom verliebten Stern?“ fragte Lennon. Eliza schüttelte den Kopf.
„Dann hör gut zu und lerne.“ Lennon machte es sich etwas bequemer und begann seine Geschichte:
„Es gab einmal einen Streit unter den Sternen und einer wurde aus seiner Heimat im Himmel vertrieben und auf die Erde verbannt. Er wanderte mal hierhin, mal dorthin. Überall, wohin der Stern kam, betrachteten ihn die Menschen mit Staunen und Furcht. Oft beschien er die Köpfe kleiner Kinder, als wolle er mit ihnen spielen. Doch die Kinder erschraken nur und vertrieben ihn mit Geschrei.
Von allen Menschen auf der Welt hatte nur ein einziger keine Angst vor dem schönen Stern. Das war ein kleines Mädchen. Sie fürchtete den Stern nicht. Im Gegenteil, sie liebte ihn aus ganzem Herzen und war glücklich mit ihrer Liebe. Der Stern schien ihre Liebe zu erwidern, denn wo auch immer das Mädchen durch die Wildnis wanderte, wanderte auch der Stern mit. Wenn sie nachts aufwachte, schwebte der Stern direkt über ihrem Kopf.
Die Leute wunderten sich über die Treue des Sterns. Sie wunderten sich aber noch mehr, als sie sahen, dass der Vater des Mädchens immer mit einer großen Menge Wild von seinen Jagdausflügen heimkehrte.
„Der Stern muss verzaubert sein“, sagten sie und immer sprachen sie von ihm mit Ehrfurcht und Respekt.
Nach einigen Monaten kam der Mittsommer und das Mädchen ging allein in die Wälder hinaus, um Beeren zu sammeln. Sie wanderte mit ihrem Korb in einen großen Wald hinaus und dort verirrte sie sich. Voller Angst rief sie nach ihrem Vater. Aber niemand hörte sie. Auch als es dämmerte, hatte sie den Weg noch nicht wieder gefunden und wanderte immer tiefer in den Wald hinein. Als es Nacht wurde, blickte sie zum Himmel, in der Hoffnung, den Stern, den sie liebte, zu sehen, damit er ihr den Weg nach Hause zeigte. Doch der Himmel war mit Wolken bedeckt. Ein Gewitter kam auf und bald regnete es in Strömen.
Zum Entsetzen des Mädchens stieg das Wasser immer höher. Die Erde unter ihr gab nach und verschluckte sie.
Die Jahre vergingen und der Stern schien immer noch über den Menschen, doch sein Licht wurde trübe und niemals blieb er lange an einer Stelle. Er sah immer so aus, als hielte er nach etwas Ausschau, was er doch nicht finden konnte.
„Er ist unglücklich über den Tod des Mädchens, das er liebte“, sagten die Leute.
Mit der Zeit verschwand der Stern. Der nächste Winter war kalt und lang und der Sommer danach war heiß. In diesem Sommer folgte ein junger Jäger einem Hirsch in einen der großen Sümpfe des Landes. Zu seinem Erstaunen erblickte er plötzlich ein kleines Licht, das anscheinend über dem Wasser hing. Es war so schön, dass er ihm eine lange Strecke nachging, doch es führte ihn zu so gefährlichen Stellen, dass er schließlich aufgab und umkehrte, um seinen Leuten zu erzählen, was er gesehen hatte. Da erklärte ihm der älteste Mann des Dorfes:„Das Licht, das du gesehen hast, ist der Stern, der aus dem Himmel vertrieben wurde. Auch jetzt noch wandert er über die Erde und hält nach dem schönen Mädchen, das er liebte, Ausschau.“
Auch heute noch ist dieser Stern ganz dicht bei der Erde. Oft wird er von Jägern, die nachts durch die Wildnis streifen, erblickt. Aber niemals wieder hat er sich einem Menschen so angeschlossen, wie dem Mädchen, das er liebte.“
Mit Tränen in den Augen hatte Eliza Lennons Geschichte gelauscht. So etwas hatte sie noch nie gehört. Lange Zeit, nachdem Lennon aufgehört hatte zu sprechen, schaute sie in seine Augen und glaubte, dort das Licht des Sternes zu sehen. Immer heller wurde es und strahlender.
„Wo immer du bist, was immer du tust, ich werde bei dir sein“, flüsterte Lennon zärtlich und verschwand.   ...Fortsetzung folgt

Kommentare:

Sandra hat gesagt…

Wnn Eliza den Job nicht nimmt, verrätst Du mir dann, wo ich mich bewerben kann?? :-D

Liebe Grüße
Sandra

Veronika hat gesagt…

Hi Sandra, o.k. ich werd´ mal sehen, was sich machen lässt :))
Liebe Grüße

Bibilotta hat gesagt…

ach wie schön....